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insieme
Wässermatten
Über 1'000 Jahre lang trübes Wasser auf die Wiese geleitet ergeben eine 60cm dicke Erdschicht
Erdfarbe der Wässermatten Holziken, Parzelle 158, "Zelgli",
Entnahme 14. November 2016, Rebschwarz und Rügener Kreide auf Bütten
76cm x 58cm
Privatbesitz Schweiz
WVZ 16-112

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insieme
Wässermatten
Erdfarbe der Wässermatten Holziken, Parzelle 158, "Zelgli",
Entnahme 14. November 2016, auf Bütten
76cm x 58cm
WVZ 16-116

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insieme
Wässermatten
Erdfarbe der Wässermatten Holziken, Parzelle 158, "Zelgli",
Entnahme 14. November 2016, Farbpigmente der Sure und der Suhre, Gemisch aus 11 Proben auf 34 km Länge, auf Bütten
38cm x 28cm
WVZ 16-122

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insieme
Fliessdiagramm
Erdfarbe der Wässermatten Holziken, Parzelle 158, "Zelgli",
Entnahme 14. November 2016, auf Papier
100cm x 70cm
WVZ 16-135

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insieme
Fliessdiagramm
Erdfarbe der Wässermatten Holziken, Parzelle 158, "Zelgli",
Entnahme 14. November 2016, auf Papier
100cm x 70cm
WVZ 16-131

Paradigma

Wässermatten

Die Wässermatten sind ein riesiges, unterirdisches Bauwerk, durchaus mit den ägyptischen Pyramiden, der Chinesischen Mauer und weiteren Grossbauwerken der Menschheit zu vergleichen. Mehr noch: Es ist die Soziale Plastik schlechthin.
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Fritz Brunnhofer (Aarau 1886 -1966 Aarau)
Wuhren in den Wässermatten in der Telli, Aarau, 1909
Lithografie auf Papier
24,2cm x 24,0cm
Sammlung insieme
Damit Wässermatten erstellt werden können, wird grosses, vernetztes Fachwissen vorausgesetzt. Verschiedene Faktoren müssen bei der Planung und der Umsetztung berücksichtigt werden.
Der Betrieb erfordert ein diszipliniertes Ineinanderwirken eines Kollektivs. So regelt das Kehre-Rodel den Wasserfluss und die damit verbundene Nutzung.
Damit auch die Nachfahren eine solide Nahrungsgrundlage haben, wird nach ausgeklügelten Regeln sorgfältig gewässert und die Anlage unterhalten und eventuell stückweise erweitert.
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Kehre-Rodel der wässerungsberechtigten Mattenbesiter, 1898
Sammlung Museum Strohhaus, Kölliken
Foto: insieme
Die Auswirkungen von Wässermatten

- Die mittels Bewässerung mit Schwebeteilen gedüngte Wiese ermöglicht das Ausbringen des Mists und der Jauche auf Hängen mit grösserer Neigung, auf denen Ackerbau betrieben werden kann.
- Auf den Wässermatten gedeihen nebst Gras auch eine Vielzahl von (Heil-) Kräutern (Biodiversität), jedoch keine Moose und Heidekräuter.
- Die Wässermatten liefern gutes, kräftiges, artenreiches Heu, das die Widerstandskraft der Tiere erhöht.
- Das dichte Wurzelwerk der Wiesenpflanzen der Wässermatten verhindert nachhaltig die Erosion des Bodens bei gewitterbedingten Überschwemmungen.
- Die im Zusammenhang mit den Bachläufen wachsenden Pflanzen, Büschen, Bäumen ermöglichen eine weitere spezifische Nutzung (Kopfweiden, Hagebutte, Schwarz-, Sand- und Weissdorn)
- Wässermatten beherbergen eine Vielzahl Tiere (Artenvielfalt). Die für die Wiese schädlichen Tiere werden vernichtet.
- Wässermatten gleichen, ähnlich den Biberstaudämmen, den oberirdischen Wasserfluss aus durch raffinierte Be- und Entwässerung.
- Wässermatten behalten den Grundwasserstrom auf regelmässig hohem Stand. Seit dem Verschwinden unserer Wässermatten ist der Grundwasserspiegel 11 (elf) Meter gesunken, was zur Folge hat, dass Staffelbach seine Grundwasserförderung einstellte.
- Wässermatten erhöhen die Sozialkompetenzen eines Kollektivs und geben der Gemeinschaft Zusammenhalt, auch wenn die Geschichte der Wässermatten eine Geschichte von Streitigkeiten ist. Wir graben uns heute doch nicht mehr das Wasser gegenseitig ab, oder?
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Wässergraben mit ehemaliger Wuhr, 2016
Wynenfeld in Buchs bei Aarau
Foto: insieme
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Fritz Brunnhofer (Aarau 1886 -1966 Aarau)
Wässermatten in der Telli, Aarau, 1908
Lithografie auf Papier
32,2cm x 24,4cm
Sammlung insieme
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Parzelle 158, "Zelgli", ehemalige Wässermatten Holziken
Gesamtansicht West
Foto: insieme
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Parzelle 158, "Zelgli", ehemalige Wässermatten Holziken
Detailansicht Nord
Foto: insieme
Die 33 Wässer-Regeln

Albert Fellenberg-Ziegler, Wegmühle/BE: Über Wiesenbewässerung


1. Die Wässerung im Herbst beginnt 8-14 Tage nach dem Emd, und in Jahren, wo man zweimal emded, sogleich nach dem zweiten Emd. Vorher werden alle Gräben geöffnet und gereinigt, die Pritschen, Wehre, Dämme, etc. nachgesehen und in Stand gesetzt, damit das Wasser auf alle Teile der Matte gleichmässig verteilt werden kann und die Wässerung keine Unterbrechung durch Reparaturen erleidet.

2.
Man sorgt dafür, dass alles Wasser gehörigen freien Ablauf habe, nirgends Pfützen bildet und nirgends festsitzen kann.

3.
Wasser, welches schon über einen Teil der Matte gelaufen ist, soll zum Wässern nicht mehr gebraucht, sondern ganz abgeleitet werden, da es mehr schadet als nützt, weil es alle seine befruchtenden Stoffe bereits abgesetzt hat.

4. Man lässt das Wasser 3-4 Wochen unausgesetzt über die Matten laufen, kontrolliert aber alle paar Tage, damit es gleichmässig und regelmässig läuft (rieselt).

5. Nach dieser Zeit stellt man das Wasser ganz ab und lässt die Matte abtropfen.

6. Ist der Herbst noch warm, so kann man nach acht Tagen von Neuem das Wasser über die Matten lassen, und lässt es nun bis Ende Oktober oder anfangs November laufen. Man lasse sich aber ja nicht verleiten, dasselbe abmähen oder abweiden zu lassen.

7. Jedenfalls muss aber das Wässern früh genug eingestellt werden, damit die Matte noch vor Eintritt des Winters gehörig abtrocknen kann.

8. Während dem Winter darf durchaus nicht gewässert werden, da die Matten auch der Ruhe bedürfen und ihnen der Schnee zuträglich ist und sie vor dem Frost schützt.

9. Nichts ist nachteiliger und schädlicher, als wenn das Wasser auf den Matten gefriert und sich eine Eisdecke bildet. Solche Stellen bleiben ein ganzes Jahr an ihrem schwächlichen Graswuchs erkennbar.

10. Sollte das Wasser infolge von Regengüssen trüb laufen, wie es in den Tälern der Sandsteingebirge meist der Fall ist, so soll die Wässerung sogleich eingestellt werden, damit die Wiese nicht mit Sand, der dem Grase nachteilig ist, überführt werde ("Sand macht Halm").

11. Wenn hingegen die Bäche fruchtbare Erde, fetten Schlamm und dergleichen mehr mit sich führen, so muss man reichlich wässern und selbst in der Abtrocknungspause auf die Matte lassen, um diese befruchtenden und düngenden Stoffe sich anzueignen; Besonders auf Torfboden muss man trachten, solch trübes Wasser zu benutzen, in dem derselbe dadurch wesentlich verbessert und ertragsfähiger gemacht wird.

12. Wässermatten dürfen nie und unter keinen Umständen von Vieh beweidet werden, da es denselben grossen Schaden zufügt, indem es die Grabenborde eintritt und die Tritte in den weichen Boden die Oberfläche der Wiese, welche möglichst eben sein soll, sehr verderben und hernach beim Wässern das Wasser am gleichmässigen Überlaufen hindert und in diesen Trittlöchern sitzen bleibt.

13. Den Winter über können nun die Wässerwiesen mit Erde, Kompost, Strassenkot und an tieferen, sumpfigen Stellen mit Bauschutt überführt werden, mit denen alle etwa mit der Zeit entstandenen Unebenheiten ausgeglichen werden. Torfboden besonders wird durch solches Überführen mit Erde und dergleichen namhaft verbessert. Hat man nun den Winter über die Wässermatte in Ruhe gelassen, so darf nun gegen Ende März, und ja nicht früher, die Wässerung wieder begonnen werden, wenn nicht etwa noch Schnee liegt oder noch Frost im Boden ist. Vorher muss jedoch der Boden völlig aufgetaut und frostfrei sein, indem er erst dann das Wasser gerne aufnimmt. Lässt man das Wasser über gefrorenen Boden laufen, so zieht es den Frost aus dem Boden, indem es seine natürliche Wärme an denselben abgibt; Dadurch aber erkältet es sich und schadet der Wiese durch seine Kälte. Es ist überhaupt besser, den Frost durch die Sonne und die Wärme der Luft vergehen zu lassen, indem durch die allmähliche Verdunstung der Boden porös und offen bleibt und das Wasser beim nachfolgenden Wässern leichter in denselben eindringt.

14. Diejenigen Wiesen oder Teile der Wiesen, welche im Winter mit Erde und dergleichen überführt worden sind, dürfen im Frühling und auch noch im Sommer gar nicht bewässert werden, damit das Wasser die aufgebrachte Erde etc. nicht wegschwemmt.

15. Bei kaltem Wind darf man nicht wässern. Indem der über die Wiese streichende Wind dem Wasser seine Wärme entzieht, wodurch der Boden anstatt erwärmt, erkältet, der Zweck also verfehlt wird. Überhaupt soll man erst zu wässern anfangen, wenn die Vegetation zu erwachen anfängt, da wenigstens, wo man nach Willkür über das Wasser verfügen kann. Da, wo man es nicht kann, muss man sich eben nach den Umständen richten und oft aus der Not eine Tugend machen, das heisst, wässern, wenn man das Wasser haben kann, auch wenn man damit gegen die Regel verstossen sollte. Obschon es in solchen Fällen, wie weiter unten angegeben wird, besser ist, die Wässerung ganz und gar aufzugeben.

16. Bei windstillem Wetter darf man wässern und das Wasser ohne Gefahr 8-14 Tage lang laufen lassen.

17. Von da an lässt man es nur nachts laufen und stellt es morgens ab, jedoch mit der Ausnahme, dass es unerwartet kalt werden oder ein kalter Schnee oder Regen eintreten sollte, auch am Tag das Wasser laufen gelassen werden soll, damit die gelindere Temperatur des fliessenden Wassers die des fallenden Regens ausgleiche.

18. Findet das nicht statt, so soll das Wasser nur nachts laufen, damit am Tage die Sonne den Boden recht erwärmen könne.

19. Wenn man vermutet, dass die Nacht warm, mild und taureich werde, so unterlässt man das Wässern, damit die Wiese der Wohltat solcher das Wachstum belebender Taue in warmen Nächten teilhaftig werden.

20. Wenn hingegen die Nächte hell und kalt sind und Frühreife befürchtet werden, so darf man das Wässern des nachts nicht unterlassen, indem das Wasser die Matten vor den Nachteilen der Fröste schützt.

21. Sollte man in einer Nacht, wo man nicht gewässert hat, durch einen Frost oder Reif überrascht worden sein, so soll morgens vor Sonnenaufgang die Matte unter Wasser gesetzt werden, wodurch die Nachteile des Frostes meist verhütet werden. Gibt es nach einem solchen Reif, wie gewöhnlich, einen schönen, sonnigen, warmen Tag, so muss gegen neun oder zehn Uhr das Wasser abgestellt werden, damit die Sonne den Boden erwärmen möge.

22. Mit diesem Wässern, bloss des nachts, wird fortgefahren bis Mitte Mai, also bis keine Nachtfröste und Reife zu befürchten sind. Alsdann ist auch das Gras bereits schon so hoch, dass das Wässern schwierig wird.

23. Sollte das Frühjahr nass, regnerisch, dabei aber nicht kalt sein, so ist es besser, gar nicht zu wässern.

24. Bis zu Heuet lässt man nun die Matte ruhig. Sollte jedoch zu dieser Zeit sehr heisses oder trockenes Wetter ohne Nachttau eintreten, so wird hie und da ein schwaches Wässern des nachts dem Grase als Erfrischung ausnehmend wohl tun, indem Wässermattengras die grosse Hitze und Trockenheit nicht gut erträgt, davon leicht welk wird und dann im Wachstum stille steht. Abgesehen von obigen Regeln kann man im Allgemeinen sich folgendes merken:

25. Niemals soll man bei starkem Sonnenschein das Wasser auf die Matten lassen oder es abstellen, indem dieses dem Grase durch den schnellen Temperaturwechsel sehr schadet.

26. Solange die Temperatur des Tages nicht höher ist als diejenige des Wässerwassers, kann man auch am Tage, also Tag und Nacht, wässern. Sobald aber die Tageswärme über diejenige des Wassers steigt, wässert man nur des nachts. Gutes Wässerwasser hat meist eine Wärme von 7 bis 9 Grad Celsius und schützt daher die Wiesen vor Kälte, wenn der Thermometer unter 7 Grad sinkt. Ein jeder Wässerer soll die Temperatur seines Wässerwassers kennen, damit er sich danach richten kann.

27. Nach dem Heuet lässt man womöglich die Matte recht austrocknen, etwa während 8-14 Tagen.

28. Man lasse sich ja nicht, selbst durch die grösste Hitze und Trockenheit, verleiten, das Wasser früher hinein zu lassen. Sollte auch die Matte ganz verbrannt und tot aussehen, so ist das eben sehr gut, indem dieses Austrocknen und Erhitzen des Bodens ein gutes Mittel ist, alle etwa vorhandenen schlechten, sauren Gräser und Sumpfpflanzen zu zerstören. Die guten, süssen Gräser ertragen diese Trockenheit gut und fangen bald an zu grünen und zu wachsen. Wenn die Wässerung anfängt oder Regen eintritt, und da sie dann durch das Absterben der schlechten Gräser an Raum gewinnen, so breiten sie sich aus und der Ertrag an Emd ist grösser und von besserer Qualität. Nur bei sehr guten, trockenen gelegenen und von Natur nicht sumpfigen Wiesen, darf man nach dem Heuet bei grosser Hitze und Trockenheit von dieser Regel abgehen und wässern. Jedoch ist eine achttägige Pause, um die Grasstoppeln absterben zu lassen, stets nützlich, da es bekannt ist, dass es mehr und besseres Emd gibt, wenn das Gras aus den Wurzeln ausschlägt, als wenn die Grasstoppeln zu wachsen fortfahren (Grassamen).

29. Hernach wird wie im Frühling bloss des nachts gewässert, jedoch nur bei anhaltender Trockenheit und Hitze, wenn keine erfrischende Nachttaue eintreten.

30. Acht Tage vor dem Emden hört man mit Wässern ganz auf.

31. Bei grosser Hitze und ohne Tau des nachts oder bei anhaltender Trockenheit kann bis zwei Tage vor dem Emd mähen mit Wässern des nachts fortgefahren werden, damit das Gras nicht welk werde.

32. Wäre der Sommer kühl, regnerisch nass, so wässert man besser gar nicht, indem es alsdann nicht nur nichts nützt, sondern durch das Übermass an Nässe schadet.

33. In Jahren, wo der Emd früh eintritt und der Herbstmonat heiss und sonnig ist, kann man Wässermatten mit Nutzen zwei Mal emden. Man macht es dann nach dem Emden lediglich wie nach dem Heuet, nur dass man sogleich nach dem Emden anfängt zu Wässern, damit die gute Jahreszeit zum dürr machen des Emd nicht versäumt werde.

Wässern wirkt auf vierfache Weise:
Direkt düngend Pflanzen ernährend (Schwebeteile)
Auflösend (die im Boden enthaltenen Stoffe auflösend)
Erhaltend und reizend (Pflanzenwachstum, Aufnahme der Atmosphärilien)
Zerstörend (Moos, Heidekraut, schädliche Tiere)


Gutes Wässerwasser soll Sommer und Winter die gleiche Temperatur haben.

Sonnenwärme und Feuchtigkeit sind die zwei wichtigsten Faktoren für das Wachstum der Pflanzen. Weiss man dies, so lassen sich die Regeln, wie man wässern soll, sehr leicht von selbst finden. Ein altes Sprichwort sagt: Wasser macht Gras, aber die Sonne leckt es aus dem Boden. Sonnenwärme und Wasser dürfen aber nicht gleichzeitig einwirken, sondern müssen miteinander abwechseln, damit der Boden zwischendurch trocknen und sich erwärmen kann.

Quelle:
Allgemeine Schweizer Bauernzeitung, Freitag, 6. Juli 1855, Nr 27-31, Schaffhausen, Fritz Rödiger. Text von Albert Fellenberg-Ziegler, Wegmühle/BE: Über Wiesenbewässerung